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Kleine Anfrage 4/2679: Enttabuisierung des Themas „Gewalt gegen Jungen und Männer“
01.02.2007
A n t w o r t des Ministers
Wie aktuelle Forschungen belegen sind Männer mindestens ebenso häufig Opfer von Gewalt wie Frauen (Lenz, H.-J. (2005): Die verdrängte Seite der Männergesundheit: Gewalt gegen Männer - Ergebnisse der deutschen Pilotstudie. Blickpunkt Der Mann 3/2005, S. 37 - 42). Dabei zeigt sich, dass Gewalt gegen Männer sowohl von den Opfern selbst als auch gesellschaftlich tabuisiert bzw. bagatellisiert wird. Das Erleiden von Gewalt ohne den körperlichen und - schlimmer noch - den seelischen Verletzungen Aufmerksamkeit zu schenken, gilt als männlich. Mit einem noch stärkeren Tabu als die Gewalt, die Männer durch Männer erleiden, ist die häusliche Gewalt von Frauen an Männern belegt. In der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit kommt dies ebenso wenig vor wie in Kriminalstatistiken. Selten nur gelangt häusliche Gewalt gegen Männer zur Anzeige, noch seltener zur Sanktionierung. In Arztpraxen und Beratungsstellen finden diese Männer kaum Gehör. Dunkelfeldanalysen zeigen, dass häusliche Gewalt gegen Männer ebenso häufig stattfindet wie gegen Frauen. „Aggressive Verhaltensweisen werden von Männern wie Frauen etwa gleichhäufig an den Tag gelegt“ (Archer, J. (2000): Sex differences in aggression between heterosexual partners: A meta-analytics review. Psychological Bulletin 2000, S. 651 - 680). Darüber hinaus haben Studien in den USA gezeigt, dass Kinder häufiger von ihren Müttern als von ihren Vätern geschlagen werden „Keinen Zweifel gibt es auch seit langem daran, dass Jungen häufiger und schwerer misshandelt werden als Mädchen.“ (Bock, M. (2004): Männer als Opfer der „Gewalt“ von Frauen. In: Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz (Österreich) (Hrsg.): Psychosoziale und ethische Probleme der Männergesundheit. Wien, S. 103 - 110 ). Auch erfahren männliche Senioren im sozialen Nahraum häufiger physische Gewalt als Frauen (Wetzels, P., Grewe, W. (1996): Alte Menschen als Opfer innerfamiliärer Gewalt – Ergebnisse einer kriminologischen Dunkelfeldstudie. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, S. 169 - 175).
Ich frage die Landesregierung: 1. Erkennt die Landesregierung an, dass häusliche Gewalt ein geschlechtsunabhängiges Phänomen ist, dass Mitglieder einer häuslichen Gemeinschaft unabhängig von Geschlecht und Alter betroffen sein können und sich lediglich die Form der Gewaltanwendung im Hinblick auf das Geschlecht des Gewaltanwenders und Opfers variiert?
2. Was unternimmt die Landesregierung, um das Thema „Gewalt gegen Jungen, aber auch gegen Männer“ gesellschaftlich zu enttabuisieren?
3. Welche Maßnahmen sind der Landesregierung im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes bekannt, die sich insbesondere dem Schutz von misshandelten Jungen widmen?
4. Welchen Stellenwert hat die „Jungenarbeit“ im Vergleich zur „Mädchenarbeit“ in der Jugendhilfe?
5. Welche Maßnahmen innerhalb des Gender Mainstreaming ergreift die Landesregierung, um geschlechtsspezifische einseitige Täter- und Opferzuschreibungen in der gesellschaftlichen Diskussion zu überwinden und zu entideologisieren?
6. Welche Anlaufpunkte gibt es für Jungen und für Männer in Thüringen, wenn sie Opfer von Gewalt geworden sind?
7. Wird der geschlechtsspezifische Wahrnehmung von Gewalt nach Auffassung der Landesregierung durch Beratungsstellen genügend Aufmerksamkeit gewidmet?
Michael Panse, Erfurt 24.11.06
Das Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit hat die Kleine Anfrage namens der Landesregierung mit Schreiben vom 1. Februar 2007 wie folgt beantwortet: Vorbemerkungen: Grundsätzlich gilt: Jungen und Männer sind häufig von Gewalt betroffen. Hierzu liegt seit 2004 die von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Pilotstudie "Gewalt gegen Männer. Personale Gewalterfahrnisse von Männern in Deutschland" vor. Die Untersuchung bestätigt die Tatsache, dass Männer sehr viel häufiger im außerhäuslichen Bereich Opfer von Gewalttaten werden als im häuslichen Bereich und zugleich mehrheitlich von Männern Gewalt erfahren. Männer machen - anders als Frauen - in den verschiedenen Lebensbereichen Opfererfahrungen. Dazu zählen die Herkunftsfamilie, Schule, peergroups, Vereine, Wehr- bzw. Zivildienst, Partnerschaft und Beruf. Bis zu zwei Drittel der erwachsenen Männer berichten über körperliche Gewalterfahrnisse im öffentlichen Raum. Die Täter sind bis zu 90 Prozent Männer und zu zwei Drittel dem Opfer unbekannt. Frauen hingegen erleben wenig Gewalt im öffentlichen Raum und von Fremden, hingegen werden sie überproportional Opfer im vermeintlichen Schutzraum des häuslichen Bereichs. Dies ist für die Bewertung der jeweilig erlebten Gewalt von besonderer Bedeutung. Zur Feststellung, Jungen seien häufiger Gewalt ausgesetzt als Mädchen, ist Folgendes zu bemerken: Einerseits ist aus der Kinderpsychopathologie bekannt, dass schwierige, verhaltensauffällige und kranke Kinder in Konsequenz elterlicher Überforderung häufiger geschlagen werden als unauffällige und gesunde. Jungen vor der Pubertät sind in allen Bereichen vulnerabler als Mädchen und weisen sowohl gesundheitlich als auch sozial höhere Auffälligkeitsraten auf, dadurch sind sie auch dem höheren Risiko elterlicher Gewalt ausgesetzt (R. Frank, Kindesmisshandlung, 1991). Soweit man sich auf Gewalt im sozialen Nahraum der Familie bezieht, zeigen demgegenüber vorläufige Ergebnisse einer Schülerbefragung im Jahre 2005, für die auch in Thüringen repräsentative Werte vorliegen werden, eher in die Richtung, dass zumindest schwere häufigere Misshandlungen in der Familie unter den Kindern beide Geschlechter gleichermaßen - sozusagen wahllos - treffen könnten. Die in der Vorbemerkung zur Kleinen Anfrage getroffenen Feststellungen - zum Teil basierend auf Dunkelfeldanalysen - mögen im Übrigen zutreffen; Grundlage der Beantwortung der Fragen sind jedoch der Landesregierung vorliegende Studien und Statistiken.
Zu 1.: Grundsätzlich ja; jedoch sind Geschlechterdifferenzierungen im Hinblick auf die Bereitschaft, Gewalt auszuüben sowie in der Wahl der Gewaltform feststellbar. Zu Ausmaß und Form der Gewaltanwendung im häuslichen Bereich ergeben Detailauswertungen der Skala CTS (Conflict Tactics Scala) zum Gewalterleben (Archer, 2000), dass Männer zwar angeben, Gewalt zu erfahren, diese Gewalt im häuslichen Bereich aber graduell niedriger liegt als die gegenüber Frauen angewandte. Erfährt ein Mann Gewaltanwendungen körperlicher Art in der Partnerschaft, trägt er zu 67 Prozent keine Verletzungen davon, dagegen haben Frauen innerhalb einer gewaltsamen Intimbeziehung zu 64 Prozent mit Verletzungen zu rechnen. Im Zusammenhang mit Partnerschaft berichten Männer von psychischer wesentlich häufiger als von körperlicher Gewalt, und zwar insbesondere im Bereich der sozialen Kontrolle: 20 Prozent reden von Eifersucht, 17 Prozent von Kontrolle des Ausgehens, fünf bis acht Prozent von der Kontrolle von Post bzw. Telefonanrufen (BMFSFJ, Gewalt gegen Männer, 2004). Ferner wurde in den meisten Untersuchungen nicht erhoben, von wem die Gewalt ursprünglich ausging: Berichten Männer von häuslicher Gewalt, so sind sie häufig von reaktiver Gewalt betroffen. Häusliche Gewalt ist insofern ein geschlechtsspezifisches Phänomen, als Frauen in der Regel die Opferrolle einnehmen. Auf Basis einer repräsentativen Studie der Bundesregierung aus dem Jahr 2004 lassen sich genaue Aussagen zur Gewaltbelastung von Frauen machen: Für Frauen besteht das größte Gewaltrisiko im privaten, häuslichen Raum durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner oder durch Familienangehörige. Frauen sind hier erheblich häufiger Opfer von Gewalt als Männer: 66 Prozent der Frauen, jedoch nur 23 Prozent der Männer haben angegeben, prinzipiell körperliche Auseinandersetzungen in einer oder mehreren Partnerschaften erlebt zu haben. Zwar werden auch Männer Opfer von Gewalt, sie stellen sogar 75 Prozent der Opfer aller Gewaltdelikte, sie erfahren diese jedoch weit überwiegend durch andere Männer und im öffentlichen Raum. Im häuslichen Bereich hingegen werden Männer selten körperlich angegriffen (Gloor/Meier "Gewaltbetroffene Männer", 2003). Aus der polizeilichen Statistik "häusliche Gewalt" für Thüringen geht hervor, dass der Anteil der weiblichen Opfer deutlich überwiegt. Der männliche Anteil der Opfer lag in den Jahren 2004 und 2005 bei rund 14 Prozent. Auch bei einer Bereinigung der Zahlen um die kindlichen Opfer und auch kindlichen Täter betragen die Quoten der männlichen Opfer sowie der weiblichen Täter zwischen neun bis elf Prozent. Darüber hinaus verteilt sich die Gewaltanwendung bei Frauen gleichmäßig auf alle Altersstufen, wohingegen sich dies bei Männern anders darstellt. "Die gesamte Gewaltbelastung von Männern ist im Erwachsenenalter deutlich geringer als in der Kindheit und Jugend, mit Ausnahme der Wehr- und Zivildienstzeit." (Pilotstudie des BMFSFJ "Gewalt gegen Männer", 2004).
Zu 2.: Die geringere Akzentuierung der männlichen Gewalterfahrung in der öffentlichen Diskussion dürfte insbesondere darin begründet liegen, dass Männer Gewalt im Wesentlichen durch andere Männer erleben und bezüglich der Partnerschaftsgewalt in wesentlich geringerem Ausmaß als Opfer von Gewalt betroffen sind als Frauen. Ein Tabu stellt gleichwohl in weiten Teilen noch immer das Opfersein dar, welches nicht dem tradierten, männlichen Rollenbild entspricht. Im Rahmen des landesweiten Kooperationsprojektes "Wege aus der häuslichen Gewalt" (2002-2005) zeigte sich dementsprechend, dass das Thema Gewalt gegen Männer in keiner der Arbeitsgruppen als bedeutsam eingeschätzt wurde; selbst aus Sicht der in der Jungen- und Männerberatung tätigen Männer überwiegt das Thema Gewalt von Männern gegen Frauen. Auch unter Berücksichtigung der o. g. polizeilichen Statistik "häusliche Gewalt" für Thüringen kann insoweit entgegen anderweitiger fachlicher Einschätzungen die stetige Mitberücksichtigung von Männern als Opfer bei häuslicher Gewalt eher als eine Überbewertung denn als eine Tabuisierung verstanden werden. Gleichwohl findet das Thema "Männer als Opfer häuslicher Gewalt" in allen aktuellen Fortbildungen im Bereich Gewaltprävention Berücksichtigung. Dies gilt für Fortbildungen für spezifisch betroffene Berufsgruppen ebenso wie für Angebote, die sich interdisziplinär an Netzwerke verschiedener Professionen wenden; beispielhaft seien Arbeitsgruppen kriminalpräventiver Räte auf kommunaler Ebene zu nennen, in denen Vertreter von Polizei, Sozial- bzw. Jugendamt, weißem Ring und Frauenhäusern ebenso vertreten sind wie Ärzte und Familienrichter.
Zu 3.: Die im Freistaat Thüringen seit 1993 eingerichteten Kinder- und Jugendschutzdienste sind feste Ansprechund Kooperationspartner des vorzuhaltenden Angebotes der Hilfen zur Erziehung. Sie haben ein eigenständiges Profil, verknüpfen, spezifizieren und erweitern vorhandene Jugendhilfeangebote. Die Kinder- und Jugendschutzdienste haben die Aufgabe jungen Menschen, die körperlich oder seelisch misshandelt, schwer vernachlässigt und oder sexuell missbraucht werden, sowie junge(n) Menschen, bei denen ein entsprechender Verdacht besteht, - ein ständiger Ansprechpartner zu sein, der auf die betroffenen jungen Menschen zugeht und deren Aussage vertraut, - vor weiteren Gefährdungen zu schützen und die dafür notwendigen Schritte zu veranlassen, - in Gesprächen und mittels persönlicher Zuwendung Hilfen zur Stabilisierung ihrer Persönlichkeit und für ihre künftige Lebensgestaltung zu geben, - vertrauter und verlässlicher Helfer in zivil- und strafrechtlichen Verfahren zu sein und auch zu bleiben, falls es nicht zu einer Verurteilung des Täters kommt oder die Aussage des jungen Menschen bestritten oder sonst angezweifelt wird. Die Statistik belegt, dass diese Angebote zunehmend auch von Jungen angenommen werden. Ursachen dafür sind u. a. die zielgerichtete geschlechtsspezifische Präventionsarbeit sowie die Tatsache, dass in den Beratungsstellen zunehmend auch Männer als Beratungskräfte arbeiten, wodurch der Zugang für Jungen erleichtert wird.
Zu 4.: Angebote der Jugendhilfe richten sich generell an alle jungen Menschen; entsprechend der Notwendigkeit gibt es darüber hinaus immer auch geschlechtsspezifische Angebote. Während in der Vergangenheit der Fokus verstärkt auf die Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen gerichtet war, beginnt sich die Jungenarbeit als spezifisches Aufgabenfeld in Thüringen mit der Bildung der "Arbeitsgruppe Jungenarbeit" im Ergebnis der Fachtagung "Jungen als Opfer von Gewalt" im April 2005 in einer neuen Qualität zu entwickeln. Aufbauend auf den Erfahrungen aus der Arbeit einzelner Kinderschutzdienste, der Regionalgruppe Jungenarbeit in Jena sowie einzelner stationärer Einrichtungen der Jugendhilfe stehen dabei zunächst fachspezifische Fortbildungsangebote sowie die Sensibilisierung für dieses Aufgabenfeld im Vordergrund.
Zu 5.: Die Entwicklung des Arbeitsfeldes der Jungenarbeit, u. a. auch als jugendpolitische Zielstellung, erfolgt entsprechend der Maximen des Gender Mainstreaming. Dazu werden geschlechtersensible Perspektiven in alle Aktivitäten und Maßnahmen integriert, Vorhaben auf ihre geschlechtsspezifische Wirkung hin überprüft und die notwendigen strukturellen Voraussetzungen geschaffen. Bereits 2004 stellte die Landesstelle Gewaltprävention im Zusammenwirken mit dem Thüringer Kultusministerium in der Fachtagung "Gewalthandlungen von Kindern und Jugendlichen im Bereich von Schulen" in einem von 6 Workshops geschlechterspezifisches Arbeiten zur Förderung von sozialer Kompetenz exemplarisch vor. Sofern im Rahmen des Gender Mainstreaming geschlechtsspezifisch einseitige Täter- und Opferzuweisungen in der gesellschaftlichen Diskussion festgestellt werden, können darüber hinaus zielgruppengenaue Maßnahmen ergriffen werden, um Einseitigkeiten bzw. Vorurteile zu dieser Thematik abzubauen und darüber aufzuklären. Weiterhin können entsprechende Projekte zum Abbau der Gewaltbereitschaft einer identifizierten Gruppe initiiert werden.
Zu 6. und 7.: Opfer von Gewalt können sich an jede Polizeidienststelle im Freistaat Thüringen wenden. Polizeiliche Maßnahmen dienen nicht nur der Gefahrenabwehr, sondern sind auch unabdingbare Grundlage für die sich anschließenden straf- und zivilrechtlichen Verfahren sowie für begleitende soziale Maßnahmen für Opfer. Untersuchungsergebnisse zeigen zudem, dass konsequentes polizeiliches Einschreiten unmittelbare und nachhaltige Auswirkungen auf die Verhaltensweisen von Tätern hat. Im Projektzeitraum der Modellphase von Interventionsstellen im Bereich "häusliche Gewalt" in Thüringen in den Jahren 2004 bis 2005 wurde in allen polizeilich bekannten Fällen mit Einwilligung der Opfer die zuständige Interventionsstelle benachrichtigt; im Berichtszeitraum wurden jedoch lediglich in vereinzelten Fällen Männer beraten. Die Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern beraten derzeit in vereinzelten Fällen männliche Opfer häuslicher Gewalt an einem neutralen Ort. Mit der Neuordnung der Frauenhäuser, der Gewaltkonfliktberatung und der Interventionsarbeit ist vorgesehen, dass sich Männer ebenso wie Frauen an Beratungsstellen wenden können, wenn sie von häuslicher Gewalt betroffen sind. Kinder und Jugendliche als Opfer von Gewalt haben als Anlaufpunkte u.a. die Kinder- und Jugendschutzdienste, die Jugendämter sowie die Beratungsstellen des Weißen Rings. Im Ergebnis einer gezielten Qualifizierung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erfolgt die Beratung und deren Reflexion in den Kinder- und Jugendschutzdiensten grundsätzlich geschlechtsspezifisch ausgerichtet. Auch die Tatsache, dass in den Kinder- und Jugendschutzdiensten zunehmend auch Männer als Beratungskräfte arbeiten, erleichtert die geschlechtsspezifische Wahrnehmung von Gewalt.
Dr. Zeh, Minister
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