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Kleine Anfrage 4/3143: Finanzierungshilfen für ADS/ADHS-Netzwerke

 26.06.2007 

A n t w o r t des Ministers

Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom/Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom sind die häufigste psychische Erkrankung bei Kindern. Hierbei handelt es sich nach heutiger Auffassung um eine Stoffwechselstörung im Gehirn, die sich in angeborener und vererbbarer Impulssteuerungs- und Reizfilterschwäche äußert. Gestörte Konzentration und Aufmerksamkeit der Betroffenen Kinder und Jugendlichen sind sehr oft die wahrnehmbaren Folgen. Zur Betreuung der Familien mit betroffenen Kindern, um Aufklärungsarbeit zu leisten und Erfahrungen auszutauschen bzw. weiter zu geben, entwickelten sich verschiedene Netzwerke und Initiativen. Diese leisteten insbesondere in Eisenach und Gotha eine erfolgreiche Arbeit. Eine Unterstützung der Koordinatorin im Netzwerk ADHS Gotha durch das Kultusministerium gab bis jetzt es im Rahmen einer Finanzierung von fünf Wochenstunden innerhalb der Lehrertätigkeit. Diese Unterstützung endet im Juli 2007 und bisher gibt es keine Aussage darüber, ob die Netzwerkarbeit weiter unterstützt wird.

Ich frage die Landesregierung:
1. Wie erfahren Lehrerinnen und Lehrer Unterstützung und Beratung, um Schülerinnen und Schülern die an ADS/ADHS erkrankt sind, helfen zu können und welche fachlichen verbindlichen Empfehlungen gibt es dafür?
2. Wie beurteilt die Landesregierung die bisherige Arbeit der ADS/ADHS- Netzwerke in Thüringen und insbesondere des Netzwerkes in Gotha?
3. Auf welcher Basis erfolgt die finanzielle Unterstützung des ADHS-Netzwerkes in Gotha bis Juli 2007?
4. Welche Möglichkeiten bestehen um die Arbeit der Koordinatorin in diesem Netzwerk weiter zu finanzieren?

Michael Panse

Das Thüringer Kultusministerium hat die Kleine Anfrage namens der Landesregierung mit Schreiben vom 26. Juni 2007 wie folgt beantwortet:

Zu 1.: Aufgabe von Schule, Unterricht und Lehrern ist es, alle Schüler in ihrem Entwicklungs- und Lernprozess optimal zu unterstützen und zu fördern. Um Lehrern vor Ort Hilfe für diese anspruchsvolle Aufgabe zu geben, steht ein regionales Unterstützungssystem zur Verfügung. Die Qualifikation der Unterstützer übernimmt das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM). Seit dem Jahr 2000 werden dort Berater "Förderung" für ihre regionale Arbeit qualifiziert.
Innerhalb dieser Qualifizierung ist die "Praxisreihe am ThILLM - Pädagogische Diagnostik" angesiedelt. Die Praxisreihe soll Lehrerinnen und Lehrer befähigen, zum einen Schülerinnen und Schüler gezielt und förderdiagnostisch zu beobachten und zum anderen diese Erkenntnisse und Erfahrungen in der regionalen und schulinternen Fortbildung zu multiplizieren. Die Teilnehmer lernen, spezifische, strukturierte Situationen zu schaffen und zu gestalten, die eine gezielte förderdiagnostische Beobachtung ermöglichen, damit daraus entsprechendes förderdiagnostisches Handeln erfolgen kann. Innerhalb der Qualifizierung haben sich die Berater "Förderung" für die Schwerpunkte Deutsch, Mathematik und Verhalten entschieden. Für die Förderung bei besonderen Lernschwierigkeiten werden für einzelne Bereiche Lehrkräfte qualifiziert, wie dies aus der folgenden Übersicht deutlich wird:


















 Bereich Anzahl der Berater Verteilung auf die Schularten
 Schriftspracherwerb 
28
 19 GS, 8 RS, 1 GY
 Mathematik 
22
 10 GS, 8 RS, 4 GY
 Verhalten 
33
 11 GS, 17 RS, 5 GY
Zu den Aufgaben der Berater "Förderung" gehören:
- Durchführung regionaler und innerschulischer Fortbildung,
- Beratung von Schulkollegien und Lehrergruppen z. B. beim Aufstellen eines Förderplanes,
- Kooperation mit weiteren Ansprechpartnern,
- Dokumentation und Evaluation der regionalen Unterstützungstätigkeit sowie
- Reflexion und Weiterentwicklung des Unterstützungssystems auf zentraler Ebene am ThILLM.

Für den Bereich Verhalten, für den die größte Gruppe qualifiziert wird, verfügen die Berater "Förderung" über Kenntnisse zu verschiedenen systematischen Trainings:
- Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern (Lauth, Schlottke),
- Triple P (Dr. Handerer für Thüringen),
- Training mit aggressiven Kindern (Petermann & Petermann),
- Marburger Konzentrationstraining (Krowatschek).

Das Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern nach Prof. Lauth und Prof. Schlottke wurde durch ein Projekt zur Schulentwicklung zusätzlich mit einer entsprechenden Materialausstattung verbunden und mit einer begleitenden Fortbildung unterstützt.
Über alle Aufgabenfelder der Berater "Förderung" hinweg wurden im Schuljahr 2005/2006 folgende Unterstützungsangebote geleistet:
128 regionale und schulinterne Fortbildungen als Referent,
63 regionale und schulinterne Fortbildungen mit Fremdreferenten,
33 Elternabende zu einem spezifischen Thema besonderer Förderung,
267 Einzelberatungen,
108 Gruppenberatungen sowie
174 Fördermaßnahmen für Schülerinnen und Schüler.

Im Längsschnitt lässt sich beobachten, dass innerhalb der regionalen Tätigkeit der Berater "Förderung" die regionalen Fortbildungen ab- und die Beratungen von Lehrerinnen, Lehrern, Eltern, Schülerinnen und Schülern zunehmen. Das heißt, dass hier die individuelle Förderung und die Einzelfallbesprechung einen hohen Stellenwert einnehmen.
In Kooperation mit Janssen-Cilag, einem Pharma-Hersteller, der sich in besonderer Weise für Kinder und Jugendliche im schulischen Bereich engagiert, wurden im Sinne der Ergebnisse der Konsenskonferenz gemeinsame Fortbildungen von und für Pädagogen und Medizinern vorbereitet und durchgeführt.
Eine detaillierte Aufstellung findet sich in der Anlage. Diese Veranstaltungen hatten jeweils 60 bis 120 Teilnehmer und fanden bei Pädagogen und Medizinern eine große Resonanz. Ziel dieser Maßnahme war es, mindestens an jeder Schule eine Lehrkraft mit der Phänomenologie und der Ursache von ADS/ADHS vertraut zu machen, einen ersten Einblick in die Aufgabe der verschiedenen Professionen, insbesondere aber der Schule zu geben und erstes Material zur Verfügung zu haben.

Ein zweites Angebot wurde auf der Basis des von Lilly erarbeiteten Unterstützungsmaterials durch die Berater "Förderung" regional geleistet. Bei einem berechtigten Verdacht oder nach einer entsprechenden medizinischen Diagnose stehen darüber hinaus im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) entsprechend qualifizierte Sonderpädagogen zur Verfügung. Auch die MSD verfügen über spezifische Trainingsprogramme, wie sie bei den Beratern "Förderung" genannt sind. Außerdem bieten die Landesfachberater für den Förderschwerpunkt "emotionale und soziale Entwicklung (Verhalten)" zusätzlich regionale und schulinterne Fortbildungen in den Schularten (Grundschule, Regelschule, Gymnasium und Förderschule) an. In der Nachqualifizierung der sonderpädagogischen Fachkräfte, im Spezialkurs "Verhaltensgestörten Pädagogik" ist ADS/ADHS ein fester Ausbildungsbaustein.
Ebenso bietet der Landesfachberater für Sport- und Bewegungspädagogik bei sonderpädagogischem Förderbedarf regionale und schulinterne Fortbildungen an.
Damit hält das Unterstützungssystem ein vielfältiges, bedarfsgerechtes Angebot an Fortbildungen und Beratungsmöglichkeiten für alle Schularten vor, das flächendeckend abgerufen werden kann.
Schließlich beteiligt sich das Thüringer Kultusministerium an den in zunehmendem Maße auch durch die Krankenkassen getragenen Informationsveranstaltungen, die teilweise auch in enger Kooperation mit den Fraktionen des Thüringer Landtags stattfinden.
Die Berater "Förderung" haben in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen des MSD Fördermaterialien zusammengestellt. Diese Zusammenstellung wird zurzeit aktualisiert und steht den Lehrerinnen und Lehrern mit Beginn des Schuljahres 2007/2008 elektronisch (auf den Internetseiten des ThILLM) zur Verfügung.
Fachlich verbindliche Richtlinien geben das Thüringer Schulgesetz (§ 53 ff), das Thüringer Förderschulgesetz (§ 3), die Thüringer Schulordnung (§§ 47 und 59) sowie die Thüringer Verordnung zur sonderpädagogischen Förderung (§§ 3, 5, 6, 7, 26, 17 und 28).

Zu 2.: Die ADS/ADHS-Netzwerke müssen als regionale Verbünde entstehen und vor allem von der Initiative der Betroffenen und der im Aufgabenfeld der Therapie, Förderung und Unterstützung Tätigen getragen werden. Aus den Rechenschaftsberichten der Koordinatorin, die in Verbindung mit der Unterstützung der in der Antwort zu Frage 3 genannten Entwicklungsaufgabe vorgelegt wurden, geht hervor, dass das Netzwerk in Gotha eine überaus wichtige und hilfreiche Möglichkeit für Akteure und für Betroffene selbst darstellt. Dies belegt auch eine Fachtagung des Netzwerkes am 23. Juni 2007 in Gotha.

Zu 3.: Grundlage ist die Verwaltungsvorschrift für die Gestaltung des Schuljahres 2005/2006 und 2006/2007. Auf dieser Rechtsgrundlage können für Projekte Schulen und einzelnen Lehrkräften Lehrerwochenstunden für besondere Aufgaben im Rahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung sowie besonderer pädagogischer Vorhaben zugewiesen werden. Aus den dafür zur Verfügung stehenden Stunden wurden der Koordinatorin im Netzwerk für eine zweijährige Aufbauarbeit jeweils fünf Lehrerwochenstunden zugewiesen und durch das Staatliche Schulamt Bad Langensalza auch personell untersetzt. Diese zeitlich begrenzte Förderung durch Lehrerwochenstunden (aus dem für Schulentwicklung zur Verfügung stehenden Stunden) war dem Netzwerk von Anfang an bekannt und war eine der Bedingungen für die Unterstützung. Gleichzeitig war die nachhaltige Sicherung ein Entwicklungsauftrag.

Zu 4.: Beim Unterstützen des Aufbaus des Netzwerks geht es nicht um eine Daueraufgabe, die das Thüringer Kultusministerium als Aufgabe zu leisten hätte, sondern um das Schaffen eines Netzwerks als Beispiel, das letztendlich aus der Region heraus von den dort kooperierenden Partnern getragen werden muss.
Einer dieser Partner ist auch das Staatliche Schulamt, das im Netzwerk weiterhin seinen Platz einnehmen wird und gleichzeitig den Schulen die entsprechende Unterstützung zur Verfügung stellt, damit der dort im Rahmen der multimodalen Therapie den Lehrern zugedachte Part erfüllt werden kann. Hierfür können alle staatlichen Schulämter entsprechend der Verwaltungsvorschrift für die Gestaltung des Schuljahres zusätzliche Lehrerwochenstunden bedarfsgerecht abrufen und sie den Schulen bei vorliegenden Förderplänen zur Umsetzung zuweisen. Dafür stehen seit Jahren im Freistaat Lehrerwochenstunden zur Verfügung.
Um die pädagogische multiplikatorische Arbeit zu garantieren, gehört die bisherige Koordinatorin des Gothaer Netzwerkes zum Unterstützungssystem des Schulamtes als Förderberaterin. Sie arbeitet somit an ihrer Stammschule als Lehrerin und hat als Fachberaterin sieben Lehrerwochenstunden für die Förderung (ADS/ADHS, Lesen und Schreiben) zur Verfügung. In diese Arbeit fließt ihre Mitarbeit im Netzwerk für die Beratung von Lehrkräften, Kindern, Jugendlichen sowie Eltern ein.

Prof. Dr. Jens Goebel


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